Rückenmarksverletzungen

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Das Rückenmark

Die Wirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln, fünf Lendenwirbeln, dem Kreuzbein und dem Steißbein. Zwischen den Wirbel befindet sich jeweils eine Bandscheibe. Die Bandscheibe fungiert als eine Art Stoßdämpfer. Das Rückenmark befindet sich im Inneren der Wirbelsäule, geschützt durch das Knochengewebe und den Liquor – die wässrige Flüssigkeit, die das Rückenmark umgibt. Vom Rückenmark gehen Nerven aus, die den Körper unterhalb des Kopfes versorgen. Die Nervenstränge treten auf jeder Höhe der Wirbelsäule paarweise aus, einer nach rechts und einer nach links. Jeder dieser Nervenstränge versorgt einen klar abgegrenzten Bereich des Körpers mit zwei Arten von Nerven: Sensible Nervenfasern leiten Empfindungen aus dem Körper an das zentrale Nervensystem weiter, motorische Nerven dienen der Erregungsweiterleitung vom zentralen Nervensystem hin zu den Muskeln und Sehnen.

Bei schweren Unfällen kann die Wirbelsäule so geschädigt werden, dass es zu einer Einklemmung des Rückenmarks kommt. Dies kann zu einer schweren Schädigung des Rückenmarks führen, durch die das Rückenmark unterhalb der Verletzungsstelle die Verbindung zum Rest des zentralen Nervensystems verliert (Querschnittsverletzung). Das bedeutet im schlimmsten Fall, dass der Patient von der Stelle der Verletzung abwärts gelähmt bleibt und die Sensibilität in diesem Bereich sowie die Kontrolle über Harnblase, Darm und Sexualfunktionen verliert. Je höher im Rückenmark die Verletzung auftritt, desto umfangreicher fallen die Schädigung und die Lähmung aus. Bei Verletzungen im Nacken kann es auch zu einer Lähmung der Arme kommen. Verletzungen im obersten Teil des Halses können zum Tod führen, da u.a. die Nerven, die die Atmung kontrollieren, betroffen sein können.

Zu Rückenmarksverletzungen kommt es meist bei jungen Menschen, in den meisten Fällen Männern. Sie sind in der Regel das Ergebnis von Verkehrsunfällen, Stürzen oder Sprüngen in flaches Wasser. Bei älteren Menschen können Rückenmarksverletzungen als Folge von Erkrankungen entstehen, z.B. wenn ein Tumor in einer anderen Körperregion sich auf die Wirbelsäule ausbreitet.

Verletzungshintergund und Befunde, akut

Hintergrund der Verletzung ist meist ein Unfall. Oft ist das Opfer schwer verletzt und bewusstlos, so dass es nicht möglich ist, mit ihm/ihr zu kommunizieren. In anderen Fällen ist die Person bei Bewusstsein und bemerkt sofort, dass sie kein Gefühl im unteren Teil des Körpers hat und z.B. die Beine nicht bewegen kann.

Bei der ärztlichen Untersuchung wird festgestellt, dass der/die Verletzte keine Kraft in der unteren Körperhälfte besitzt, und möglicherweise auch nicht in den Armen, wenn es sich um eine Verletzung weit oben im Nacken handelt. Häufig ist der Blutdruck niedrig und der Puls langsam.

Umgang mit der verletzten Person an der Unfallstelle, während des Transports, bei der Röntgenuntersuchung

Hebetechnik bei Nacken- und Rückenverletzungen

Die Stelle der Verletzung muss mit äußerster Vorsicht behandelt werden, um eine Verschlimmerung der Verletzung zu vermeiden. Der/die Verletzte darf nicht hochgehoben, gedreht oder gezwungen werden, sich aufzurichten. Alle Bewegungen des Halses und Rückens sind unbedingt zu vermeiden. Manöver, die den Zustand der Stelle der Verletzung in der Wirbelsäule ändern können, müssen vermieden oder begrenzt werden. Die verletzte Person darf nicht nach vorne gebeugt werden! Es sollte immer für eine optimale Stabilität gesorgt werden, wenn der/die Verletzte gehoben oder gedreht werden muss. Der Transport der verletzten Person sollte durch mehrere Personen gemeinsam erfolgen, so dass es zu keiner Bewegung der verletzten Stelle im Rücken kommt. Bei Verdacht auf eine Nackenverletzung muss beim Transport und bei Röntgenuntersuchungen eine steife Halswirbelsäulenschiene verwendet werden. Die Stabilität wird gewährleistet, indem der/die Verletzte mit Sandsäcken abgestützt wird. Bewusstlose Personen nach Unfällen müssen so behandelt werden wie Verletzte mit Rückenmarksverletzungen.

Als Grundregel für die Ersten Hilfe gilt: Der/die Verletzte muss atmen können und der Kreislauf muss stabil sein. Andere Verletzungen müssen behandelt oder untersucht werden.

Folgen der Querschnittsverletzung

Sobald die Akutphase vorbei ist, der/die Verletzte stabilisiert ist und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, beurteilen die Ärzte das Ausmaß der Schädigung. Bei Querschnittsverletzungen, bei denen die Verbindung zum unteren Teil des Rückenmarks unterbrochen ist, liegt Folgendes vor:

  • Lähmung. Im Laufe der Zeit führt dies zu Muskelschwund, Verspannungen/ Krämpfen in der Muskulatur (Spastik) und, wenn keine vorbeugende Behandlung erfolgt, zu einer Versteifung der Gelenke (Kontrakturen).
  • Verlust der Sensibilität. Dies bedeutet u.a. ein erhebliches Risiko der Entwicklung von Druckgeschwüren/wundgelegenen Stellen.
  • Atembeschwerden, wenn sich die Verletzung im oberen Teil des Rückens oder im Nacken befindet.
  • Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase. Der Patient verliert die Kontrolle über die Blasenentleerung und auf lange Sicht besteht das Risiko von Harnwegsinfektionen und Nierenschäden.
  • Probleme mit der Darmentleerung. Der Patient verliert die Kontrolle über den Stuhlgang und es kann zu Problemen mit Verstopfung kommen.
  • Schädigung der Sexualfunktion.
  • Infolge der körperlichen Inaktivität kann es zu Veränderungen des Stoffwechsels kommen.
  • Zudem führt Inaktivität zu einem Kalkverlust in den Knochen, wodurch sich das Risiko von Knochenbrüchen erhöht.
  • Veränderungen des Blutdrucks. Der Blutdruck kann zu niedrig oder zu hoch sein. Während der ersten Zeit im Krankenhaus wird der Blutdruck regelmäßig gemessen.
  • Blutgerinnsel. Da der/die Verletzte bewegungslos in einer liegenden Position verbleibt, besteht die Gefahr von Blutgerinnseln in den Beinen.
  • Erhöhte Schweißproduktion. Da die Temperaturregulierung des Körpers geschädigt wird, kann es zu unkontrolliertem Schwitzen kommen.

Kurze Zusammenfassung der Behandlung

Die Behandlung der verletzten Person wird sofort eingeleitet. Die Behandlung kann in folgende Phasen unterteilt werden:

  • Akutbehandlung an der Unfallstelle.
  • Akutbehandlung im Krankenhaus.
  • Frührehabilitation.
  • Volle Rehabilitation.
  • Entlassung aus dem Krankenhaus
  • Nachsorge

Die Behandlung läuft über eine lange Zeit und das Ziel ist es, dass die Verletzten so unabhängig wie möglich werden. Mehr zu diesem Thema finden Sie in weiteren Informationstexten.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ryggmargsskade. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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