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StartseiteCampus & KarriereDozentenleben im Prekariat?16.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschDozentenleben im Prekariat?

Privatdozenten in Bayern müssen kostenlose Vorlesungen und Seminare halten - so will es die Hochschulordnung. Nur so können sie ihren Titel und damit die Hoffnung auf eine Professorenstelle behalten. Günter Fröhlich wehrt sich dagegen. Der Professor für Philosophie muss sich seinen Universitätssold in einem Café aufbessern. Seit zwei Jahren klagt er gegen den Freistaat.

Von Susanne Lettenbauer

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(Der Beitrag als Audio -Datei zum Nachhören)

"Ich heiße Günter Fröhlich, ich bin außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Uni Regensburg. Daneben betätige ich mich als wissenschaftlicher Autor, als Kaffeekocher und als Lesekonzertist."

Ein kleines Café in der Regensburger Innenstadt. Günter Fröhlich in weißem Hemd und gestreifter Weste gießt kunstvoll Milch zum Espresso.

"Also ich könnte nicht in jedem Café arbeiten. Das was da angeboten wird muss schon stimmen. Der Café muss schon so sein, dass man sagt, so was habe ich noch nie getrunken. Und wenn man ihn getrunken hat, dann erinnert man sich daran und dann macht mir das auch Freude und Spaß, auch zum Mindestlohn."

Geld verdient der Honorarprofessor im Café

Die langen Haare hat der 47 Jährige zum Zopf gebunden. Seine Gäste: junge Studenten, anspruchsvolle ältere Damen. Auch der Konzertmeister vom nahen Theater schaut kurz vorbei. Hier verdient der Philosophie-Professor sein Geld, nicht an der Uni.

"Das war mein Stammcafé, ich habe hier immer meinen Espresso getrunken und irgendwann hat die Chefin gesagt, ich solle mich doch mal hinter den Tresen stellen. Ich habe gesagt, das kann ich nicht, ich kann mir nicht merken, was die Gäste bestellen, das bringe ich nicht hin, das habe ich noch nie gemacht, sie meinte nur doch, doch, doch, doch, das mache ich, dann habe ich das angefangen und mache das jetzt seit drei Jahren."

Wechsel von der Physik zur Philosophie

"Also ich war bei den Regensburger Domspatzen, meine Eltern haben mich da ins Internat gesteckt und da bin ich Mitte der dritten Klasse in Etterzhausen gewesen in der Vorschule und dann im Domgymnasium ab der fünften Klasse, habe dort Abitur gemacht und habe dadurch die Verbundenheit mit Regensburg. Und dann war ich bei der Bundeswehr, ein Jahr in München, hab technische Physik studiert an der TU, und wollte dann aber Philosophie und Geschichte machen, bin dann dadurch wieder nach Regensburg gekommen, und hier wohne ich jetzt seit acht Jahren."

Nur wenige hundert Meter entfernt liegt die Wohnung von Fröhlich.

"Das ist ein barockes Haus, der hintere Anbau ist noch – nein der Anbau ist barock, das Haus ist noch gotisch, also das ist so 14., 15. Jahrhundert. Und dann frühes 18. Jahrhundert der andere Teil."

Fröhlich spielt aus Bachs Goldberg-Variationen – als Ausgleich: "Das ist eine hohe Konzentration und Begriffsvermögen ist da gefordert und bei mir ist das was ganz anderes. Ich spiele nur Bach. In dem Fall war das der Anfang vom C-Moll-Präludium und die Goldberg-Variationen und das reicht mir auch bis zum Ende meines Lebens."

Sogenannte Titellehre wird nicht bezahlt

An den Wänden seiner gotischen Wohnung: meterhohe Bücherregale, davor ein Ölportrait des Professors im Stil alter Meister.

"Also ich bin seit über zehn Jahren Privatdozent, muss unterrichten, um den Privatdozententitel zu erhalten. Ich bin dadurch auch Mitglied in der Universität, darf natürlich die Bibliothek benutzen, habe das Recht Lehrveranstaltungen anzubieten, aber auch ein Promotionsrecht und viele Dinge mehr, aber ich bin dadurch auch verpflichtet, gesetzlich, zwei Semesterwochenstunden im Jahr zu unterrichten, und das geschieht unentgeltlich. Das steht im Gesetz auch drin, das darf nicht von einer Vergütung abhängig gemacht werden."

Eine Regelung im bayerischen Hochschulgesetz besagt, dass er als Privatdozent kostenlose, sogenannte Titellehre halten muss, um überhaupt weiter im Rennen um eine Professorenstelle zu bleiben.

70 Arbeitsstunden pro Woche für ein kleines Einkommen

"Es ist mir ein Bedürfnis, und für mich ist es auch wichtig, einfach an der Universität zu unterrichten. Das ist schwierig, die akademische Laufbahn, das wusste ich vorher schon. Aber ich habe mir gedacht, wenn man sein Zeug macht, wenn man entsprechend veröffentlicht, dann wird das schon werden." 

Bis zu 70 Stunden würde er in der Woche arbeiten, betont Fröhlich, das Café eingerechnet, trotzdem bewege er sich am Existenzminimum:

"Was heißt arm? Das ist verschieden definierbar. Ich kann mich beschäftigen mit den Dingen, die ich für richtig halte und das macht mir viel Freude, das ist mir auch wichtig und da bin ich natürlich sehr reich."

Klage gegen das bayerische Hochschulgesetz 

2014 reichte er die Klage gegen das bayerische Hochschulgesetz und die Pflichtlehre ein. Nicht gegen die Universität, das sei ihm wichtig, betont er. In ihren Stellungnahmen wandten sich aber sowohl die Staatskanzlei wie auch das bayerische Parlament gegen eine Gesetzesänderung.

Seit 2015 liegt die Klage nun beim Verfassungsgericht in München. Wenn er nachfragt:"Dann erhält man eben die Antwort, der Berichterstatter hat die Vorlage noch nicht erarbeitet und im übrigen unterliegt er auch keinen Fristen. Der kann sich also unendlich lang sich Zeit nehmen."

Von seinen Kollegen wird er unterstützt, aus ganz Deutschland erhält er Nachfragen von anderen Privatdozenten, die in einer ähnlichen Lage sind wie er. Er kämpft zwar für Veränderung, sagt aber trotzdem:

"Also, als Querulant würde ich mich nicht bezeichnen. Ich habe ein vorgesehenes Verfahren gewählt, ich habe mich damit auch auseinander gesetzt. Natürlich Unruhe ins System bringen, dass ist angesichts der heutigen Verhältnisse immer gut. Dazu kann ich jeden nur aufrufen. Und wenn das als querulatorisch bezeichnet wird, na bitte, da hätte ich dann auch nichts dagegen. Aber ich sehe mich selber natürlich nicht so."

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