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Neukölln: Warum ein Buchladen israelischer Betreiber schließen muss

"Topics Berlin" in der Weserstraße.

"Topics Berlin" in der Weserstraße. 

Foto:

camcop media / Andreas Klug

Berlin -

Es ist eine Abschiedsnachricht. „Liebe Freunde, ich möchte mich bei allen bedanken, die gestern gekommen sind, um mit uns zu trauern…“ – so beginnt der Eintrag vom 23. Juli auf der Facebook-Seite des Neuköllner Buchladens Topics. Seit vergangenem Sonnabend ist der kleine, schicke Laden an der Weserstraße geschlossen. Aus finanziellen Gründen, wie die Betreiber versichern. Das allein wäre nichts Besonderes. Kleine, individuelle Buchläden haben es grundsätzlich schwer, sich gegen große Ketten und vor allem den Internet-Handel zu behaupten.

Doch Topics wurde von zwei Israelis betrieben. Er musste auch deshalb schließen, weil das Geschäft bedroht und beschimpft wurde. Das ist die Kurzversion.

Tatsächlich ist die Situation um einiges komplizierter. Auf der Facebook-Seite des Ladens beschreibt Besitzer Doron Hamburger am 22. Juli in einer ausführlichen Stellungnahme, welche Gründe zur Schließung des Geschäfts geführt haben. Die finanzielle Lage sei schon längere Zeit nicht einfach gewesen, schreibt er.

Doch dann ereignete sich das, was Hamburger den „Evola-Vorfall“ nennt. Ende Februar 2017 hatten die Topics-Betreiber eine Veranstaltung angekündigt, bei der sie das Werk von Julius Evola diskutieren wollten. Der italienische Kulturphilosoph und Verfasser rechtsextremer und antisemitischer Theorien sympathisierte zeitweise mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus. „Wir haben vielleicht nicht deutlich genug gemacht, worum es uns bei der Veranstaltung geht“, schreibt Hamburger selbstkritisch. Auf das, was die Ankündigung auslöste, waren er und sein Kollege Amir jedenfalls nicht vorbereitet.

Ein Shitstorm ging auf die beiden Shop-Betreiber nieder, im Internet wurden sie als Nazis bezeichnet. Hamburger selbst beschreibt Facebook-Diskussionen mit Nutzern, die sich selbst der Antifa-Bewegung zurechnen. Er habe ihnen angeboten, an der Veranstaltung teilzunehmen, die als intellektuelle Auseinandersetzung mit Evolas Theorien geplant war, und ihre Kritik direkt zu äußern, so Hamburger. Doch an einem konstruktiven Dialog waren seine Gegner offenbar nicht interessiert.

„Faschistischer Buchladen im Herzen Berlins“

„Eines Morgens wachte ich auf und sah, dass wir auf Facebook als „faschistischer Buchladen im Herzen Berlins“ bezeichnet wurden. Mehrere Dutzend Nutzer hatten den Eintrag geteilt. Urheber war möglicherweise die linksextreme Szene. Sicher ist das nicht.

Sicher ist nur: Nach dem „Evola-Vorfall“ erlitt Topics einen dramatischen Umsatz-Einbruch. Hamburgers Kollege Amir betont am Telefon, dass es keine Boykott-Aufrufe gegeben habe – schon gar keine offiziellen. Was die beiden Israelis zur Aufgabe bewegt hat, waren auch offenbar weniger die ökonomischen als die psychischen Folgen der Hetze.

„Unser Laden war mehr als nur ein Geschäft“, schreibt Doron Hamburger in seinem emotionalen Facebook-Eintrag vom 22. Juli. „Die Veranstaltungen, die bei Topics stattfanden, waren die Schmuckstücke unseres Ladens. Doch nach allem, was geschehen ist, schwindet unsere Energie dafür.“ Es sei eine Sache, einen Laden in finanziell schwierigen Zeiten am Leben zu erhalten, weil man glaube, er sei wichtig für die Gemeinschaft, schreibt Hamburger weiter. „Aber es ist etwas völlig anderes, wenn man plötzlich realisiert, dass man selbst nicht mehr willkommen ist.“