Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die so genannte MeToo-Bewegung. Daraus entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.

Die #MeToo-Debatte riss bekanntlich Hunderttausende Mauern des Schweigens ein, die bis dahin Erfahrungen von Frauen auf der ganzen Welt umschlossen hatten: Erfahrungen mit Vergewaltigungen und aufdringlichen Chefs im Fahrstuhl, mit anzüglichen Sprüchen auf der Straße und der fremden Hand auf dem Arsch. Jetzt, ziemlich genau ein Jahr später, drängt mit den selbst ernannten Maskulinisten eine Gegenbewegung auf Amerikas Straßen und Bestsellerlisten, die nicht nur mit #MeToo Schluss machen will und dem Feminismus, sondern am besten gleich die offene Gesellschaft als solche abräumen möchte.

Als Idol der Maskulinisten, die sich bereits auf dem Weg zur Massenbewegung wähnen, gilt der Kanadier Jordan Peterson, dessen Buch 12 Rules for Life es bei Amazon bis auf Platz eins schaffte. Die deutsche Übersetzung erscheint Ende Oktober, und man kann damit rechnen, dass auch diese zum Verkaufsschlager wird.

Peterson, ein bis vor Kurzem unbekannter Psychologieprofessor aus Toronto, vermarktet sich als Lobbyist der Evolutionsbiologie. Seinem Publikum erklärt er diese mit der Hirn- und Hormonstruktur von Hummern: Mit ihren Knack- und Greifscheren kämpften sie ständig um Territorium und um Hummer-Damen, und statt sich zu fragen, ob die Übertragung des Sozialverhaltens von Schalentieren auf den Menschen nicht auch bedeuten müsste, sich mit Butter einreiben zu lassen und in der Badewanne bei 100 Grad heißem Wasser gekocht zu werden, laden Petersons Fans die Mitschnitte seiner Streitgespräche mit Fernsehmoderatoren und Feministinnen hundertfach bei YouTube hoch. Viele Millionen Mal werden diese Filme geklickt, deren Titel häufig ankündigen, Peterson würde seine Kontrahenten verbal vernichten, zerstören, zerlegen: Der Austausch von Argumenten, die Sexualität, ja, das ganze Leben ist dem Nietzscheaner ein einziger Kampf, in dem man gewinnt oder eben zertrampelt wird. Selbst schuld. Petersons Rat an Eltern: Gut platzierte Schläge auf die Pausbäckchen des Sohnemanns, um so seinen Drang zur Dominanz zu wecken.

Erst durchgeprügelt werden, dann fünf Sorten Frühstücksflocken aufzählen

Die Vanity Fair bezeichnete Peterson kürzlich als "Einstiegsdroge" für die sozialdarwinistischen Ideen der extremen Rechten. Ähnliches lässt sich auch über die Aufreißer der Pick-up-Community beobachten, deren Mitglieder sich gegenseitig darin schulen, möglichst viele Frauen ins Bett zu kriegen. Die Ratgeberbücher der Szene (Lob des Sexismus: Frauen verstehen, verführen und behalten) verkaufen sich weltweit, ihre Exponenten kassieren für Veranstaltungen Eintrittsgelder in vierstelliger Höhe. Schlagzeilen machte vor einiger Zeit der Pick-up-Star Julien Blanc, nachdem er in einem Seminar mit einer Vergewaltigung geprahlt und empfohlen hatte, fremde Frauen mit Würgegriffen zu begrüßen. Linke Gruppen sprengten daraufhin seine Seminare, und mehrere Länder wie Großbritannien belegten ihn mit einem Einreiseverbot. Mittlerweile sind viele Mitglieder der Pick-up-Community auch im Spektrum der extremen Rechten in den USA aktiv.

Gleiches gilt für die Proud Boys des ehemaligen Vice-Chefs Gavin McInnes, der diese zu einer schlagkräftigen Organisation aufgebaut hat, mit Ortsgruppen in den ganzen USA. Wer ein Proud Boy werden will, muss öffentlich ein Glaubensbekenntnis ablegen: "Ich bin stolz, ein westlicher Chauvinist zu sein, der es ablehnt, sich dafür zu entschuldigen, die moderne Welt erschaffen zu haben." Anschließend wird er von anderen Proud Boys verprügelt, und muss am Ende der Tortur fünf Sorten Frühstücksflocken aufzählen. Die Logik dahinter: Nur wer selbst mit zertrümmertem Kiefer Banales wie Kellogg’s oder Koko Krunch aufzählen kann, hält seine Sinne auch dann zusammen, wenn bei Schlägereien mit der Antifa die Fetzen fliegen. Masturbation lehnen die Proud Boys ebenso ab wie Pornografie, die dazu führe, die eigene Ehe zu "verletzen" und die Lebenskraft "zu entwässern". Frauen sind für McInnes in erster Linie Hausfrauen und treusorgende Mütter, und die Vorstellung, dass eine Frau Nein sagen könnte zum Sex, schmäht er als "Puritanismus". Das erinnert an Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes von 1918, das vielen Maskulinisten als Bibel gilt: Die sexuelle Dekadenz einer Kultur, heißt es da, führe zu ihrem Zusammenbruch und Verschwinden aus der Weltgeschichte.

Als Berüchtigtste unter den Maskulinisten gelten die Incel (involuntarily celibate), die sich nach dem Zölibat benennen, in dem sie, verschmäht von der Frauenwelt, unfreiwillig steckten. Einige Anhänger dieser Nerdkultur – deren größtes Internetforum bis zu seiner Sperrung über 40.000 Mitglieder zählte – begingen in den letzten Jahren Amokläufe, bei denen sie willkürlich ausgewählte Frauen niederschossen. Die Manifeste der Täter, in denen sie zur Rache an der Frauenwelt aufrufen für erlittene Abfuhren und einsame Nächte, gelten der virtuellen Incel-Community als Credo: "Für all mein Leid auf dieser Welt sind Menschen verantwortlich, speziell Frauen."

Vor einigen Monaten kommentierte Jordan Peterson die Amokfahrt des 25-jährigen Incel Alek M. (zehn Tote) mit den Worten: "Er war wütend auf Gott, weil ihn Frauen zurückgewiesen hatten. Das Heilmittel dafür ist sozialer Zwang zur Monogamie." Nach heftiger Empörung ruderte er zurück: Gemeint habe er bloß, dass die Ehe wieder als Norm propagiert werden müsse.

Die Geschichte kennt kein Gut und Böse, sondern nur den Stärkeren

Natürlich waren die einzelnen Positionen der Maskulinisten bereits vor #MeToo präsent. Vor einigen Jahren im Internet – und vor Jahrzehnten als Teil des Mainstreams. Doch seit es bis in die bürgerliche Mitte hinein als Konsens gilt, dass pinkfarbene und blaue Kinderklamotten weniger einer biologischen Veranlagung folgen als einer Marketingstrategie, erscheint manchem die Vorstellung, dass der Mann, der weiße natürlich, von Natur aus überlegen sei, als ein geradezu magisches Versprechen. Der Überlegenheitsgestus stilisiert sich zur Heilserwartungsbewegung, die emotional hinweghilft über die Erfahrung persönlicher und ökonomischer Krisen: Wo sonst nicht viel bleibt, bleiben immerhin Geschlecht und Hautfarbe, die dem Verunsicherten den gesellschaftlichen Status sichern. Auch wenn sich die Maskulinisten an der gleichen Frontlinie in einem Krieg verorten, der dem Mann als Mann erklärt worden sein soll, sind sie alles andere als homogen und sich teilweise spinnefeind. Incels beispielsweise verachten die Pick-up-Community, weil sie dieser die Hoffnung neiden, doch noch irgendwie bei Frauen zu landen. Peterson wiederum verachtet die extreme Rechte als niveaulosen Pöbel.

Die Proud Boys würden Kontrahenten gern aus Hubschraubern werfen – wie bei Pinochet

Letztlich überwiegen jedoch die Gemeinsamkeiten: Da ist zum einen die feste Überzeugung, dass ein unsichtbarer Gegner, gegen den in letzter Konsequenz jedes Mittel in Erwägung gezogen werden müsse, die naturwüchsige Gesellschaft zersetze.

Peterson dekliniert diese Verschwörungstheorie bei seinen Auftritten gern folgendermaßen durch: Nachdem die Sowjetunion implodiert sei, hätte der Marxismus heimlich die Uniform gewechselt. Nun versuche er nicht mehr in der Fabrik, sondern aus den Universitäten heraus seine Agenda auf kulturelle Schlachtfelder zu verlegen, betreibe die Zerstörung der Kleinfamilie, des Bürgertums, der Eigentumsordnung. Werde der Identitätspolitik nicht Einhalt geboten, lande der Westen bald in einem Totalitarismus, der den Gulags in nichts nachstehe. In seinen Vorträgen zitiert Peterson gern den sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn, in dessen Schilderungen des Stalinismus er sich derart verloren zu haben scheint, dass er seine Fans kurzzeitig dazu aufrief, Listen für öffentliche Outings zu erstellen mit unerwünscht postmodernen Uni-Dozenten.

Ferner eint die Maskulinisten ein Männlichkeitsideal, das auf dem "metallischen Traum vom menschlichen Körper" beruht, wie der französische Philosoph Paul Virilio einmal soldatische Männlichkeit definierte.

Außerdem teilen sie einen wahnhaften Antikommunismus. Die Proud Boys etwa lassen sich gern mit T-Shirts fotografieren, auf denen Kommunisten aus Helikoptern geworfen werden – in Pinochets Chile eine gängige Methode, um Oppositionelle zu töten. Selbst hinter dem Mindestlohn scheinen sie ein Erbe Moskaus zu entdecken. Und schließlich die Überhöhung der Konkurrenz als natürliches Prinzip und die Verachtung des Mitgefühls als "Sklavenmoral". Die Geschichte kenne kein Gut oder Böse, sondern nur den Stärkeren.

Neu sind diese Positionen alle nicht, wie gesagt. Treten sie gebündelt auf, nennen Historiker das: Faschismus.

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