Der da ist Islamist, die dort eine Emanze. Er ist ein Rassist, sie ein Gutmensch, und dort drüben sitzt ein Sozialschmarotzer: Diskussionen abzuwürgen, indem man vorgefertigte Etiketten verteilt, ist ein bequemer Weg. Dann muss man sich mit der dahinterliegenden Person und deren Standpunkten nicht mehr beschäftigen.

Es ist kein Geheimnis: Mit Menschen anderer Gesinnung sinnvolle politische Auseinandersetzungen zu führen kann ein anstrengendes Unterfangen sein. Da ist es oft zuträglicher für das Selbstbild, Andersdenkende als wenig bedacht wahrzunehmen und sich in selbstgerechter Manier unverstanden zu fühlen. Zu Berührungspunkten mit andersdenkenden Menschen kommt es ohnehin selten, die meisten umgeben sich im virtuellen wie im wirklichen Leben fast ausschließlich mit Gleichgesinnten. Eine Initiative zur Begegnung unterschiedlicher Meinungen bildet "Österreich spricht". Das Partnerprojekt von "my Country talks", einer von ZEIT ONLINE initiierten internationalen Plattform zum politischen Dialog, wird in Österreich von der Tageszeitung Standard in Kooperation mit der ZEIT umgesetzt und bringt an diesem Samstag um Punkt 15 Uhr Tausende Menschen mit unterschiedlichen Anschauungen miteinander ins Gespräch.

Denn Kontakt, das zeigt die sozialpsychologische Forschung, ist eine vergleichsweise einfache Maßnahme, um die Einstellung gegenüber vorurteilsbehafteten Gruppen positiv zu beeinflussen. In Bezug auf die Fremdenangst als Universalhebel des Rechtspopulismus hieße das: Begegnungen mit Fremden. Die meisten Menschen, die Geflüchtete ablehnen, haben im Alltag kaum Berührungspunkte mit ihnen. Fremdenfeindlichkeit ist dort am höchsten, wo man den vermeintlichen Feind nur aus der Zeitung kennt.

Doch die Sehnsucht, sich im geborgenen Schoß einfacher kollektiver Identität einzunisten, ist auch für Bildungsbürger groß. Zwar wähnen sie sich als Hüter der Wahrheit, die genau hinsehen und verstehen, doch verfolgen sie häufig genau dieselben Prinzipien wie diejenigen, die sie verurteilen. Die anderen außerhalb der eigenen Kreise werden als eine angeblich homogene Gruppe gesehen, die man entweder überzeugen und integrieren kann oder aber schlicht ablehnt.

Im Vornherein anzunehmen, man sei im Recht, ist angenehmer für den Seelenfrieden und gibt ein wohliges Gefühl der Überlegenheit. Hat man das Gegenüber erst einmal etikettiert, dann wird es in einen Ordner abgelegt. Anschließend wird der auf Verstehen abzielende Dialog beendet. Und hier gelangt man an einen Punkt, an dem es häufig zur Verwechslung kommt: Jemanden zu verstehen heißt nicht, gleichzeitig für eine andere Meinung Verständnis zu haben, eine Verhaltensweise gutzuheißen oder gar einem fremden Standpunkt zuzustimmen. Für das Verstehen unabdingbar ist es aber, genau hinzusehen. Dies wird jedoch verhindert, wenn die wahrgenommene Gesinnung des Gegenübers wichtiger genommen wird als dessen Standpunkte oder wenn sich Empathie nur auf Angehörige der eigenen Gruppe beschränkt.

Der Umgang mit anderen hängt in erster Linie davon ab, welches Ziel man verfolgt. Endgültige, abwertende Zuschreibungen sind häufig der unkompliziertere Weg. Die meisten Menschen wollen nicht gleich sein, sie wollen sich unterscheiden und abgrenzen, selbst oder gerade wenn in ihrer Selbstbeschreibung "Weltoffenheit" und "Toleranz" ganz weit oben stehen. Auch Menschen aus Milieus mit scheinbar größtmöglicher Liberalität suchen einen Rahmen, der für Situationen eine leicht fassliche Richtig-oder-falsch-Regel bereithält. Die Angst der Mittelschicht vor dem gesellschaftlichen Abstieg und die damit einhergehende Abgrenzung zeigen sich in vielerlei Formen: von weitgehend harmlosen Praktiken wie der symbolischen Verankerung des Nachwuchses im bürgerlichen Milieu durch die Namensgebung ("Ferdinand"), bis hin zur Verachtung der sogenannten Unterschicht, da diese angeblich ebenfalls Menschengruppen verachte. Man müsse sich fernhalten von Schlechtem, dürfe sich nicht dem minderwertigen Einfluss aussetzen – bereits im Klassenzimmer beginnt man dieses Verhalten anzutrainieren.

Toleranz ermöglicht es, Meinungen widersprechen zu können

Durch mangelnden Austausch mit Andersgesinnten und die Ausblendung anderer Denkweisen nimmt die Trennung und Verfeindung von Gruppen innerhalb einer Gesellschaft tendenziell zu. Zudem kann ein Prozess der Entpolitisierung eingeleitet werden, da es an Abwägung mangelt. Wenn alle, mit denen man sich umgibt, die gleiche politische Meinung vertreten, muss man diese nie infrage stellen.

Wie Vorurteile helfen auch Feindbilder dabei, Ordnung zu schaffen. Sie nützen darüber hinaus als Rechtfertigung der Ausgrenzung oder Bekämpfung anderer und enthalten ein destruktives Potenzial. Konstruierte Szenarien äußerer Bedrohung dienen als Mittel zu diesem Zweck – meist in Kombination mit dem Mythos eines homogenen Volkes, das starke Führung brauche, die den alleinigen Anspruch erheben dürfe, die wahre "Stimme des Volkes" zu sein. Wer anderer Ansicht sei, der lüge, verleumde das Volk und gehöre nicht dazu. Damit wird das Selbstwertgefühl im Kollektiv gestärkt, das dem Einzelnen oft fehlt. Wenn man im anderen das Böse ausmacht, wird in der Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt das Eigene automatisch zu einem Hort des Guten. Potenzielle Gegenargumente laufen Gefahr, als Teil eines Lügenkonstrukts gebrandmarkt zu werden. Damit wird politische Andersartigkeit nicht nur zu einem ideologischen Gegner, sondern zu einem Feind, dem man unterstellt, den eigenen Lebensstil zerstören zu wollen. Gerade in politischen Auseinandersetzungen ist es keine Seltenheit mehr, dass der Diskurs zugunsten eines Schlagabtausches mit persönlichen Untergriffen inhaltlich ausdünnt. Dann geben grobe Vereinfachungen und markige Sprüche anstelle von Hintergrundinformationen und Analysen den Ton an.

Doch statt andere einer vorgegebenen Anschauungsweise zuzuordnen und sie zu verurteilen, gibt es auch die Möglichkeit, nachzufragen und zu versuchen zu verstehen. Wenn ein Mann sagt, er möge keine Schwulen, kann man ihn "homophob" nennen. Oder man kann wissen wollen, weshalb das so ist, und etwa erfahren, dass er einmal von einem Mann bedrängend angeflirtet worden und ihm das unangenehm in Erinnerung geblieben sei. Dann könnte man ihn fragen, ob nach dieser Logik auch junge Frauen generell Männer ablehnen sollten, weil sie seit ihrer Pubertät regelmäßig derlei Erfahrungen machen. Wenn eine Migrantin eine rechtspopulistische Partei wählt, kann man sich über ihre "Dummheit" wundern – oder man kann versuchen zu verstehen, dass es für sie ein identitätsstiftender Akt ist, eine Partei zu wählen, die gegen Ausländer, die sich nicht integrieren wollen, auftritt. Dadurch macht sie sich selbst zur integrierten Migrantin –oder sogar zur Österreicherin.

Es ist gar nicht notwendig, andere Weltanschauungen zu teilen. Für eine Demokratie notwendig ist es allerdings, in einen gesellschaftlichen Diskurs der Interessen, Meinungen und Standpunkte einzutreten.

Den Raum dafür kann nur eine tolerante Haltung schaffen. Toleranz hat nichts damit zu tun, einem fremden Standpunkt zuzustimmen. Vielmehr soll die Existenzberechtigung des anderen anerkannt werden, auch wenn dieses andere als störend empfunden wird. Sich mit einem Vater am Spielplatz abzufinden, obwohl er einen entgegengesetzten Erziehungsstil pflegt. Zu dulden, dass die Nachbarin eine andere politische Ausrichtung hat, und sie deshalb nicht sofort als Person abzulehnen. Oder allgemein: zu verstehen, dass Einstellungen das Ergebnis von Lebensumständen, Erlebnissen, Begegnungen, der beruflichen, finanziellen und familiären Situation, von Wohnort, Gesundheit, Alter und Bildung sind – ohne das Gegenüber dabei zu entmündigen.

Nur Toleranz ermöglicht es, Meinungen, die man ablehnt, widersprechen zu können. Aus der Kombination von Ablehnung und Geltenlassen entstehen konstruktive Diskurse. Intoleranz möchte anderen Meinungen ihre Berechtigung absprechen, sie bekämpfen oder gar verbieten. Wir machen es uns jedoch zu leicht, wenn wir das andere einfach wegsperren wollen.