TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı

 10/06/2019 Tlaxcala, das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt Manifest von Tlaxcala  
Deutsch  
 UMMA 
UMMA / „Der gerechte Staat“ der Antikapitalistischen Muslime in der Türkei
Artikel veröffentlicht auf Tlaxcala am 31/10/2015
Original: “L’État de justiceˮ des Musulmans anticapitalistes de Turquie
Übersetzungen: Português/Galego  Español  Ελληνικά  English  Italiano  فارسی 

„Der gerechte Staat“ der Antikapitalistischen Muslime in der Türkei

Ayşe Akyürek Αϊσέ Ακγιουρέκ عایشه اِکیورِک

Übersetzt von  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Herausgegeben von  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Die Antikapitalistischen Muslime sind seit dem Fastenbrechen im Ramadan (iftar) auf der Straße während der Ereignisse des Geziparks in Istanbul im Frühjahr 2013 bekannt. Sie zweifeln nicht nur am Wirtschaftssystem, sondern auch an der politischen Führung der Türkei und des Nahen Osten. Sie sind der Überzeugung, dass weder die Theokratie noch der Laizismus Systeme sind, die zu dieser Region passen und schlagen deshalb das vor, was sie den „gerechten Staat“ nennen.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_11946.jpg

İhsan Eliaçık (der zweite sitzende Mann von links im Bild) beim Forum von KESK (des Gewerkschaftsbundes der Beamten) in Ankara. OnurT, 19.7.2013.

Der Ideologe der Antikapitalistischen Muslime ist İhsan Eliaçık1. In seiner Jugend war er Militant in der Bewegung Akıncı gençler (Junge Reiter)2. 2003 trennt er sich dann von seinen alten Genossen, die heute das Land regieren, um seine eigenen Ideen über den Islam und das Schicksal der Türkei auszuarbeiten. Er schlägt dann das Konzept des sozialen, revolutionären, demokratischen und liberalen Islam vor, den er dem rein metaphysischen Islam gegenüberstellt. Dieser spirituelle Islam, der keinen direkten Einfluss auf das gesellschaftliche und alltägliche Leben der Menschen nimmt, wäre in der Tat ein Träger von Aberglauben und falschen Traditionen. Mit der Zielsetzung, die „tradierten Ideen zu berichtigen und die göttliche Offenbarung zu aktualisieren“, veröffentlicht Eliaçık 2003 seine eigene Koranübersetzung mit dem Titel „Der lebendige Koran“ (Yaşayan Kur’an). Er erklärt sein Ziel, den zeitlosen und universellen Charakter des Heiligen Buches des Islam zu betonen und den Koran in ein Bezugsbuch für das alltägliche Leben machen zu wollen.

Eliaçık zufolge widersprechen sich Marxismus und Islam nicht. Er stellt einen Bezug zwischen den Begriffen des Eigentums, der Bereicherung, der Schenkung, der Armensteuer und des Zinses, die häufig im Koran zitiert werden, und den Begriffen der Materie, des Eigentums, des Kapitals, des Geldes und der Arbeit im Kapital von Karl Marx her. Während Sozialismus und Kommunismus Gemeinsamkeiten mit dem Islam aufweisen, ist er der Meinung, dass dies für den Kapitalismus nicht der Fall ist. Daher rufen die Antikapitalistischen Muslime bei jeder Veranstaltung ihr Leitmotiv Abdestli kapitalizm („bereinigter Kapitalismus“) aus: dieser Ausdruck greift das neue muslimische Bürgertum an, das den Kapitalismus als religiöse Gewohnheiten tarnt. Die konservativ-demokratische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), die in der Türkei an der Macht ist, ist derzeitig das Ziel dieser Kritik. Diese neuen muslimischen Bürger, die damals Weggenossen von Eliaçık waren und das Ideal eines „Islam ohne Grenzen und ohne Klassen“ teilten, haben sich seiner Meinung nach davon getrennt, um eine neue Klasse zu erschaffen, deren „Ideologie“ von Karrieredenken und Konformismus lebt.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_11945.jpg

Das Logo der Antikapitalistischen Muslime mit „La“ (Nein auf Arabisch)

Friedliche Lösung der Konflikte

Die Bezeichnung „Antikapitalistische Muslime“ könnte aber falsch oder wenigstens unvollständig sein, um den Mann und seine Anhänger zu definieren. In der Tat wird nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern auch das politische System im Rahmen eines internen Konfliktes in Frage gestellt. Eliaçık nutzt die Fragen der ethnischen Minderheiten und im Besonderen die Kurdenfrage, um seine Anschauung des Staates zu erörtern. Um das sogenannte Problem der Gerechtigkeit und Gleichheit zu lösen und zu vermeiden, dass die Türkei eine leichte Beute des Imperialismus wird, schlägt Eliaçık vor, in Anatolien einen Staat der Gerechtigkeit (adalet devleti) zu gründen, der dem Gerechten System (adil düzen), den Necmettin Erbakan in den 1990er Jahren entworfen hatte, nah ist: ein islamisches System, das auf Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit aller Konfessionen, jeglicher ethnischer Herkunft und aller Gesellschaftsschichten basiert. Zu diesem Zwecke bezieht er sich auf die Geschichte der Platzierung des schwarzen Steins innerhalb der Mauer der Kaaba in Mekka. Der Konflikt zwischen den Stämmen, die sich alle für die hielten, die dazu die stärkste Legitimation besaßen, wurde durch den Schiedsspruch des Propheten Mohammed gelöst. Dieses Ereignis ist ein Symbol der Loyalität und stellt somit auch ein Modell für die Konfliktlösung dar, die im Vorderen Orient und vor allem in der Türkei umgesetzt werden sollte 3.

Aber die Gleichheit der Religionen scheint im Moment beeinträchtigt. Eliaçık möchte nämlich die sozio-politischen Werte des Islam nicht aus dieser neuen Staatsidee ausschließen4. In diesem Sinne kann es sich nicht um einen neutralen Staat handeln. Er schlägt eine Analyse vor, die auf vier Hauptereignissen fokussiert:

►Den „Bund der Tugendhaftigkeit“ (hilf al-fudul), der unter verschiedenen Stämmen der Koreischiten einige Jahre vor der Berufung des Propheten infolge eines Streitfalls bezüglich einer ungerechten Transaktion geschlossen wurde;  
Die Verfassung von Medina: Diese wurde im Jahre 622 Higra geschlossen und ist ein Text, der von den Koreischiten und den Bewohnern von Medina unterzeichnet wurde. Er legt die Gesetze über die persönlichen Freiheiten, die Sicherheit, die Verteidigung und die Gerechtigkeit unter den Stämmen fest;
Die Abschiedspredigt des Propheten (khutba al-wada) während seiner letzten Pilgerreise nach Mekka. Das Hauptthema betrifft die Menschenrechte, wie die Religionsfreiheit, die Gleichheit und die Sicherheit;  
Die koranische Offenbarung zwecks Erfassung des politisch-sozialen Ideals des Propheten Mohammed.


Aufruf zur Demo vom 1. Mai 2015 bei der Fatih-Moschee in Istanbul, um „die Ketten aufzubrechen“ und „die Sklaven des Kapitalismus“ zu befreien.

Für einen demokratische Konföderalismus

Als Stadtstaat um den Begriff der „Ummah“ — nicht im üblichen Sinne einer „muslimischen Gemeinschaft“, sondern von „Bürgern“ —, galt die Verfassung von Medina als eine sozio-politische und nicht als religiöse Vereinigung. Sie war nämlich das Modell eines demokratischen Islam. Die Ummah verkörperte das, was man heute den demokratischen Konföderalismus nennt5.

Diesen Begriff hatte Abdullah Öcalan, der Parteichef der kurdischen Arbeiterpartei (PKK), eingeführt. Der demokratische Konföderalismus stellt eine nicht-staatliche Verwaltung dar. Der demokratische Konföderalismus bildete sich aus der Zielsetzung heraus, die Freiheit und Autonomie des kurdischen Volkes zu gewähren, ohne die politischen Grenzen der aktuellen Türkei in Fragen zu stellen. Der demokratische Konföderalismus gilt für Öcalan als das Paradigma der „demokratischen Modernität“ im Gegensatz zur „kapitalistischen Modernität“. Er hält den Nationalismus und den Nationalstaat für den Ursprung der Probleme des Nahen Ostens und widersetzt sich der Gründung eines kurdischen Nationalstaates. Die Lösung der Kurdenfrage in der Türkei stelle, ohne auf den Nationalstaat und das kapitalistische System zurückzugreifen, auch einen Schlüsselfaktor für die Lösung der Probleme im Nahen Osten dar6.

Die Verfassung von Medina gewann in der Türkei besonders an Bedeutung, nachdem der demokratische Völkerkongress (Halkların demokratik kongresi) vom Mai 2014 in Diyarbakir auf Initiative von Öcalan und mit der Teilnahme und Unterstützung der demokratischen Partei der Völker (HDP)7  stattgefunden hatte. 2011 hatte Eliaçık die Partei für den Frieden und die Demokratie (BDP) und die PKK aufgefordert, die Religion im Rahmen des Konfliktlösungsprozesses zu berücksichtigen und an der Verbreitung des revolutionären Islam teilzunehmen. Er forderte die Leiter und Aktivisten der kurdischen Bewegung, den Islam als soziale Realität zu akzeptieren, obwohl sie nicht alle Muslime sind.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_11947.jpg

İhsan Eliaçık leitet das Freitagsgebet auf dem Taksimplatz während der Besetzung des Geziparks im Juli 2013

Unterstützung der HDP

Obwohl er seine Absicht zum Ausdruck bringt, sich nicht politisch engagieren zu wollen, äußert Eliaçık trotzdem seine offene Unterstützung der HDP, die er als die Partei ansieht, die den Idealen der religiösen, ethnischen und konfessionellen, aber auch der Gleichheit zwischen den Geschlechtern und der wirtschaftlichen Gleichheit am nächsten steht. Dennoch hält er eine beispiellose Ansprache bezüglich des Standpunktes von Abdullah Öcalan zur Lösung der Kurdenfrage. Für Eliaçık muss die kurdische Bewegung seine Vision erweitern, was aber unmöglich ist, solange ihr Führer in Haft ist. Die Lösung würde somit darin bestehen, Öcalan zu befreien, um das Projekt des demokratischen Konföderalismus umzusetzen und eine pluralistische Gesellschaft auf der Grundlage der Einwilligung aller aufzubauen. Da er sich dessen bewusst ist, dass seine Glaubensgenossen und Mitbürger zur Verzweiflung bringen könnte, rechtfertigt er seine Vorschläge, indem er sich auf die Koransure Ar-Rum bezieht:

Und unter Seinen Zeichen ist die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.
Koran 30:22.

Die Antikapitalistischen Muslime werden scheinbar immer noch nicht ernst genommen. Sie werden einerseits wegen ihrer fehlenden intellektuellen Tiefe und anderseits wegen ihres als utopisch betrachteten Engagements kritisiert. Ihre Präsenz in der politisch-religiösen Landschaft weist auf jeden Fall in die Richtung einer Diversifizierung des islamischen Diskurses.

Anmerkungen

1Vgl. im Detail Ayşe Akyürek, „Yeryüzü sofrası“, Symbol des muslimischen Antikapitalismus, Dipnot IFEA, 8. Juli 2015.

2Die Organisation Akıncı gençler entstand 1980 aus der islamistischen politischen Bewegung Milli Görüş (Nationale Sicht). Ihre wichtigsten Slogans lauteten: „Für einen islamischen Staat ohne Grenzen und ohne Klassen“ und „Scharia oder Tod“. Abdullah Manaz, Türkiye’de siyasal islamcılık, İq kültür sanat yayıncılık, 2008; S. 252-285.

3İhsan Eliaçık, „ Kürd sorunu, Kanlı çanak ve Hacer’ul-Esved“, Adil medya, 4. September 2011.

4İhsan Eliaçık, Adalet devleti, ortak iyinin iktidarı, Bakış yayınları, 2003  ; S. 483-567.

5İhsan Eliaçık, „Demokratik toplum, Konfederalizm ve Medine sözleşmesi“ , Adil medya, 25. Februar 2014.

6Abdullah Öcalan, Confédéralisme démocratique, 2011.

7 „Diyarbakır’da Demokratik İslam Kongresi“, BBC, 10. Mai 2014.

Ein Propagandavideo über die gemeinschaftlichen Graswurzel-Fastenbrechen, die von den Antikapitalistischen Muslimen organisiert wurden. Es sei darauf hingewiesen, dass die Tonspur die Musik von Mikis Theodorakis für den Film Z von Costa-Gavras ist [Anmerkung von Tlaxcala].





Danke Tlaxcala
Quelle: http://orientxxi.info/magazine/l-etat-de-justice-des-musulmans-anticapitalistes-de-turquie,1064
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 26/10/2015
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=16377

 

Schlagworte: Antikapitalistische MuslimeGerechter Staatİhsan Eliaçık KurdenHDPDemokratische KonföderalismusTürkei
 

 
Drucken
Drucken
Diese Seite schicken
Diese Seite schicken


 Alle Seiten von Tlaxcala erscheinen unter dem Copyleft