Umweltschutz Sind Klimaschutz-
Demos zu radikal?

Pro & Contra aus dem neuen Politik-Magazin BILD Politik

Seit knapp einem Jahr kämpft die Jugendbewegung „Fridays for Future“ gegen die Klima-Krise
Seit knapp einem Jahr kämpft die Jugendbewegung „Fridays for Future“ gegen die Klima-KriseFoto: dpa

Angefangen hat es mit der jungen Schwedin Greta Thunberg, die sich immer freitags aus Protest vor das schwedische Parlament setzte, statt in die Schule zu gehen. Dann schlossen sich Tausende Schüler an, streikten und demonstrierten jeden Freitag. Mittlerweile ist „Fridays for Future“ eine Bewegung, die von Millionen getragen wird.

Doch der Ton wird radikaler. Studentin Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, vertritt die Bewegung in Deutschland. Sie hält zivilen Ungehorsam für legitim und fordert ein Umsteuern in der Umweltpolitik mit „Worte und Taten“.

Genau das propagiert auch der aus „Fridays for Future“ hervorgegangene Arm der Bewegung, „Extinction Rebellion“, kurz „XR“. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, organisierten sie zuletzt Verkehrsblockaden wie in London, als 6000 Aktivisten die fünf wichtigsten Brücken lahmlegten.

Für die einen ist die Radikalisierung der Klimaschutz-Bewegung nachvollziehbar und sogar notwendig, für andere eine radikale Hysterie und Klimaextremismus.

Zwei Meinungen aus der BILD-Redaktion:

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Ja, die Demos sind zu radikal

Von Filipp Piatov (28)

Sie werfen ihren Eltern und Großeltern vor, den Planeten zu zerstören, den Autofahrern, ihre Zukunft zu gefährden, den Politikern, das Überleben der Menschheit zu verspielen – die jungen Klima-Aktivisten.

Und alle freuen sich darüber! Deutschlands Jugend sei engagiert, heißt es. Wir alle könnten von den jungen Menschen lernen.
Doch das Image der Weltretter hat Risse: Das Problem ist nicht ihre Sorge um Mutter Erde, sondern das Radikale an ihrer Haltung. Vom andauernden Lob aus Medien und Politik verwöhnt und bis ins Mark von der eigenen moralischen Unfehlbarkeit überzeugt, dulden sie keinen Widerspruch: Wer widerspricht, wolle den Planeten brennen sehen. Wer zur Umsicht mahnt, riskiere das Überleben der Menschheit.

Geht es nicht eine Nummer kleiner? Besteht der demokratische Diskurs nicht seit jeher in der Suche nach dem besten Kompromiss? Nicht für sie: Es zählt nur die eigene Maximalforderung – oder keine.

Wie alle Bewegungen mit anti-freiheitlichem Kern will auch die Klima-bewegung einen Bruch mit dem Alten. Die älteren Generationen, sagen sie, hätten das Klima an den Rand des Kollapses geführt und den Jungen dieses tödliche Erbe hinterlassen – und nicht den Lebensstandard, um den ein Großteil der Welt uns beneidet. Und nicht die Demokratie, die ihnen ihre Kundgebungen ermöglicht.

Was ihre Eltern und Großeltern für sie erarbeitet haben, scheint nichts mehr wert zu sein. Das ist hochmütig und dekadent. Der Klima-Aktivismus treibt eine Geisteshaltung auf die Spitze, in der es immer um das System geht, und nie um die Eigenverantwortung.

Ob bei Integration, Ausbildung oder den Arbeitsmarkt – im Falle des Misserfolgs ist stets das System schuld, nicht der Einzelne. Die jungen Aktivisten haben sich das ultimative System ausgesucht, das ihnen nicht nur einen Ausbildungsplatz, einen Job oder das Lebensglück vorenthält, sondern gleich die Zukunft der gesamten Menschheit: die Klimakrise.

So edel das Ziel der Klima-Aktivisten sein mag: Zu oft überschreiten sie die Grenze zur Ideologie.

Mit Handschellen aneinander gekettet blockieren Mitglieder von „Extinction Rebellion“ in Edinburgh (Schottland) den Verkehr
Mit Handschellen aneinander gekettet blockieren Mitglieder von „Extinction Rebellion“ in Edinburgh (Schottland) den VerkehrFoto: Jane Barlow / dpa

Nein, nur ein radikaler Richtungswechsel hilft jetzt noch

Von Anna Essers (23)

Wäre die Erde ein Haus, stünde sie im Erdgeschoss in Flammen, während wir im dritten Stock darüber streiten, noch ein Dachgeschoss zu bauen.

Die Forderung der „Fridays for Future“-Aktivisten ist eins-zu-eins die der Wissenschaft: sofortiger Wandel der Klimapolitik. Ihr Anliegen: Unsere Welt retten. Trotzdem gibt es Versuche, den Klimawandel kleinzureden. Vor allem, weil man unbequeme Veränderungen im Alltag fürchtet. Deshalb werden Themen gesucht, die den Diskurs umlenken: Dass Klima-Aktivisten zu radikal seien. Es werden Fehler gesucht: Was machen die Jungen nicht perfekt? Wie viel fliegen Youtuber? Aber darum geht es nicht!

Sondern – aufgepasst – um das Klima! Bereits 1968 schlossen sich Experten mit dem Club of Rome zusammen und warnten vor der Zerstörung des Ökosystems. Seitdem ist das Interesse am Klimaschutz immer wieder verebbt. Konsequenzen blieben weitgehend aus. Was hat das nun damit zu tun, ob die Aktivisten sympathisch sind? Radikal? Oder ideologisch? Nichts.

Wir müssen uns frei von Nebensächlichkeiten machen. Denn das Thema ist existenziell. Wenn man an gerodete Flächen in Regenwäldern denkt und an die mit Müll verseuchten Meere, geht es nur darum: Empfinde ich das als richtig oder falsch? Was sagt mein Menschenverstand? Der Ruck, der gerade durch das Land geht, ist nicht anti-freiheitlich. Er ist radikal, denn unsere Situation ist derartig kritisch, dass nur ein radikaler Richtungswechsel helfen kann. Eine Nummer kleiner funktioniert nicht mehr – die Erde kokelt an allen Ecken. „Man sollte Klimaschutz den Profis überlassen“, sagte FDP-Chef Christian Lindner. Richtig! Diese Profis stehen hinter den Zielen der Klimaschützer. Wer über so etwas wichtiges wie Klimapolitik verhandeln will, muss mit einem übertrieben hohen Angebot feilschen. Für einen Kompromiss, der einen funktionierende Wandel bringt.

Es wird warm. Unter uns. Über uns. Die Flammen bahnen sich ihren Weg durch das Erdgeschoss. Immer weiter nach oben. Besondere Situationen brauchen besondere Maßnahmen. Radikale Maßnahmen.